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GESELLSCHAFT & POLITIK 22 Mai, 2026

Als die Vergangenheit zurückkehrte: Das Sudetendeutsche Treffen spaltet Tschechien

80 Jahre nach Krieg, Vertreibung und Besatzung entzündet ein historisches Treffen in Brünn erneut Ängste, Proteste und einen politischen Kampf um Erin...

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WorldDepths

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REDAKTION UND PRÜFUNG WorldDepths

80 Jahre nach Krieg, Vertreibung und Besatzung entzündet ein historisches Treffen in Brünn erneut Ängste, Proteste und einen politischen Kampf um Erinnerung und Identität.

Eigentlich sollte es ein Symbol der Versöhnung werden. Stattdessen hat das erste Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft auf tschechischem Boden eine der empfindlichsten historischen Debatten des Landes neu entfacht.

In Brünn — dem einstigen Brünn der deutschsprachigen Bevölkerung — werden sich erstmals Sudetendeutsche und ihre Nachfahren offiziell in ihrer früheren Heimat versammeln. Eingeladen wurden sie vom Festival „Meeting Brno“, das seit Jahren für deutsch-tschechische Verständigung wirbt. Mehr als acht Jahrzehnte nach NS-Herrschaft, Krieg und Vertreibung sollte das Treffen ein Zeichen dafür sein, dass Europa gelernt hat, mit seiner Vergangenheit zu leben.

Doch in Tschechien reagieren viele mit Wut und Misstrauen.

In den vergangenen Wochen protestierten Hunderte Menschen in Brünn und Prag gegen die Veranstaltung. Mit tschechischen Fahnen und „Stopp“-Schildern demonstrierten Nationalisten, Kommunisten und Anhänger der rechten Partei von Parlamentspräsident Tomio Okamura gegen die Rückkehr der Vertriebenenorganisation. Okamura bezeichnete die Sudetendeutschen als „Nachfahren von Nazis“ und warnte vor angeblichen Forderungen nach Rache, Eigentum und Rückkehr.

Noch schärfer äußerte sich Ex-Präsident Miloš Zeman. Die Landsmannschaft sei „Hitlers fünfte Kolonne“, sagte er, das Treffen eine Beleidigung für die Opfer der nationalsozialistischen Besatzung. Hinter der Versöhnungsrhetorik vermutet er neue Restitutionsansprüche und politische Einflussnahme.

Die Vorwürfe treffen einen historischen Nerv — blenden jedoch wichtige Entwicklungen aus. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft strich bereits 2015 die umstrittene Forderung nach einer „Rückgewinnung der Heimat“ aus ihrem Programm und kappte Verbindungen zum radikalen Witikobund. Kritiker der Protestbewegung weisen zudem darauf hin, dass einige tschechische Nationalisten inzwischen selbst Kontakte zu europäischen Rechtsaußenparteien wie der Alternative für Deutschland pflegen.

Im tschechischen Parlament eskalierte der Streit weiter. Eine von Okamura unterstützte Resolution verurteilte das Treffen offiziell und forderte dessen Absage. Die Opposition boykottierte die Abstimmung. Der konservative Politiker Martin Kupka sprach von einer „Schande“ und warf Teilen der Regierung vor, historische Ängste bewusst politisch auszunutzen.

Ministerpräsident Andrej Babiš wechselte mehrfach seine Position. Zunächst bezeichnete er das Treffen als private Initiative ohne Bedeutung für die Regierung. Später nannte er die Veranstaltung einen Fehler. Seine widersprüchlichen Aussagen spiegeln die Nervosität wider, mit der Prag auf alles reagiert, was die deutsch-tschechische Vergangenheit berührt.

Dabei gilt Deutschland heute als wichtigster politischer und wirtschaftlicher Partner Tschechiens. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs bemühten sich beide Länder um Aussöhnung. Die gemeinsame Erklärung von 1997 erkannte das Leid beider Seiten an und verpflichtete beide Staaten, den Blick nach vorne zu richten.

Doch Geschichte verschwindet nicht mit diplomatischen Erklärungen.

Während der nationalsozialistischen Besatzung der damaligen Tschechoslowakei starben bis zu 350.000 Menschen. Nach Kriegsende wurden rund drei Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben; Zehntausende kamen dabei ums Leben. Einer der brutalsten Vertreibungsmärsche begann ausgerechnet in Brünn.

Die Schriftstellerin Kateřina Tučková, deren preisgekrönter Roman das Schicksal einer deutsch-tschechischen Frau nach dem Krieg erzählt, sieht in der aktuellen Debatte ein gefährliches politisches Spiel. Viele Menschen hätten familiäre Traumata oder seien jahrzehntelang ideologisch geprägt worden, sagt sie. Doch Politiker nutzten diese Ängste gezielt aus.

„Wenn Ressentiments zur politischen Waffe werden“, warnt sie, „entsteht ein Klima, in dem Hass wieder salonfähig wird.“


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