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WELT 09 Juni, 2026

Wunder am Mount Everest: Totgeglaubter Sherpa-Bergführer überlebt tagelang in der Todeszone

Der Mount Everest ist erneut zum Schauplatz einer Geschichte geworden, die sich auf Messers Schneide zwischen Überlebenskampf und dem schier Unmöglichen bewegt.

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Der 52-jährige Sherpa-Bergführer Hillary Dawa Sherpa während seiner Rettung
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Jossef Neumann

REDAKTEUR

REDAKTION UND PRÜFUNG WorldDepths

Der Mount Everest ist erneut zum Schauplatz einer Geschichte geworden, die sich auf Messers Schneide zwischen Überlebenskampf und dem schier Unmöglichen bewegt. Der Protagonist ist dieses Mal Hillary Dawa Sherpa, ein 52-jähriger, erfahrener Bergführer. Er verschwand am 29. Mai während des Abstiegs einer Expedition in einer der gefährlichsten Zonen auf dem Dach der Welt. Der letzte Funkkontakt stammte aus dem Bereich des sogenannten „Gelben Bandes“ oberhalb von Lager III auf über 7.000 Metern Höhe einer Region, in der der Sauerstoff drastisch knapp wird und jeder Fehler das Todesurteil bedeuten kann.


Von diesem Moment an lief eine Suchaktion an, die von Ungewissheit und erbarmungslosem Wetter geprägt war. Die Rettungsteams versuchten mehrmals vergeblich, ihn zu lokalisieren, während der Hoffnung mit jedem verstrichenen Tag der Boden entzogen wurde. Das Ausbleiben jeglicher Lebenszeichen führte dazu, dass Expeditionskollegen und Familie mit dem Schlimmsten rechneten. Im engsten Kreis wurden bereits die für die Sherpa-Kultur typischen, traditionellen Bestattungsrituale eingeleitet – als Akt des Abschieds von einem Mann, dessen Verlust am Berg unausweichlich schien.


Doch die Ereignisse nahmen am 4. Juni eine völlig unerwartete Wendung. Ein Team des Sagarmatha Pollution Control Committee, das im Gletscherbereich im Einsatz war, bemerkte eine Bewegung nahe des Khumbu-Eisfalls, unweit des Basislagers. Was sie dort vorfanden, spottete jeder Wahrscheinlichkeit: Der Bergführer war tatsächlich dort, sichtlich geschwächt und sich nur unter extremen Mühen fast auf dem Eis kriechend – fortbewegend, aber am Leben. Der Fund löste sofort eine Rettungskette aus. Per Hubschrauber wurde er zur medizinischen Notversorgung nach Kathmandu geflogen.


Nachfolgende Informationen ermöglichten es, das Drama der vergangenen Tage zu rekonstruieren. Berichten zufolge verbrachte der Bergführer rund eine Woche völlig isoliert in einer der lebensfeindlichsten Umgebungen der Erde. Während dieser Zeit überlebte er ohne fremde Hilfe, indem er die minimalen Vorräte nutzte, die er bei sich trug darunter kleine Lebensmittelreserven wie Schokolade und Kaffeepulver. Zudem schmolz er Schnee und Eis, um in einer Umgebung, in der Dehydratation rasant lebensbedrohlich wird, an Wasser zu gelangen. Zu allem Überfluss überstand er eine extreme Notsituation, als er mehr als zwei Tage in einer Gletscherspalte gefangen war, bevor es ihm gelang, sich aus eigener Kraft zu befreien.


Sein gesundheitlicher Zustand bei der Ankunft in der nepalesischen Hauptstadt war zwar kritisch, den Umständen entsprechend aber stabil. Die Ärzte diagnostizierten Erfrierungen an den Händen und Gliedmaßen sowie schwere Dehydratation und Verletzungen durch die langanhaltende, extreme Kälte. Zudem besteht der Verdacht auf einen Bruch des rechten Oberschenkelknochens, was das klinische Gesamtbild erschwert. Dennoch kam der Bergführer bei Bewusstsein im Krankenhaus an. Dass sich sein Zustand anfangs positiv entwickelte, sorgt angesichts der Fundumstände für noch größeres Staunen.

Die Geschichte endete jedoch nicht mit der Rettung. In den Tagen danach übte die Familie von Dawa Sherpa öffentlich scharfe Kritik und prangerte an, dass die Suchaktion viel zu spät eingeleitet worden sei. Laut ihren Aussagen hätten die Behörden und der Expeditionsveranstalter in den kritischen Momenten nach dem Verschwinden nicht schnell genug reagiert. Sie sprachen sogar von einer Ungleichbehandlung in solchen Situationen und deuteten an, dass die Mobilisierung der Rettungskräfte ganz anders verlaufen wäre, wenn es sich bei dem Vermissten um einen ausländischen Kunden und nicht um einen einheimischen Bergführer gehandelt hätte. Diese Vorwürfe führten zu formellen Beschwerden. Die nepalesischen Behörden prüfen den Fall nun, um festzustellen, ob die Protokolle ordnungsgemäß eingehalten wurden.


Der Fall sorgt international für großes Aufsehen, da das Überleben an sich als medizinisches Wunder grenzt. Experten für Alpinismus und Höhenmedizin betonen, dass ein tagelanges Überleben am Everest ohne Unterstützung außergewöhnlich ist. Grund dafür ist das Zusammenspiel extremer Faktoren wie Sauerstoffmangel, Temperaturen von zweistelligen Minusbereichen und die tückische Fortbewegung auf instabilem Terrain. In diesem Kontext wurde das Überleben des Sherpas von zahlreichen Spezialisten als Ausnahmephänomen beschrieben, das die bekannten Grenzen der menschlichen Belastbarkeit sprengt.


Während er sich in einer Spezialklinik in Kathmandu weiter erholt, ist die Geschichte von Hillary Dawa Sherpa zu einem Symbol des Widerstands am unerbittlichsten Berg der Welt geworden. Sein Fall entfacht die Debatte über die Sicherheit bei Hochexpeditionen und die Vergänglichkeit des Lebens in einer Umgebung, in der die Natur ihre eigenen, kompromisslosen Regeln diktiert, aufs Neue. Am Everest ist jede Geschichte unvorhersehbar – doch nur selten kehrt jemand so unerwartet vom äußersten Rand des Abgrunds ins Leben zurück.


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